„Was würden Sie tun, wenn in Zukunft….??“ – Studentin der Theologie, Miriam Dorlaß, über die Möglichkeit sich schon während des Studiums auf der Kanzel auszuprobieren

Schon während des Theologiestudiums einmal auf der Kanzel stehen…wie fühlt sich das an? Für mich war es ein ganz besonderes Erlebnis mich vor ein paar Wochen neben meiner Heimatgemeinde auch mal in einer anderen Kirchengemeinde als Predigende ausprobieren zu dürfen. Ich bin kirchennah aufgewachsen und durfte schon als Jugendliche die Jugendgottesdienste in unserer Gemeinde mitgestalten. Auch die „Message“, wie wir den Impuls im Rahmen des Gottesdienstes nannten, durfte ich teilweise sowohl mit schreiben als auch halten, dort habe ich die ersten Erfahrungen auf der Kanzel gemacht und konnte feststellen, wie viel Freude es mir bereitet, Texte zu schreiben und Gottesdienste mitzugestalten. Als dann die Entscheidung fiel, dass ich Theologie studieren wollte, wurde ich in meiner Heimatgemeinde weiterhin immer unterstützt und habe einige Male in den Sonntagsgottesdiensten als Dialogpredigt mit unserer Pfarrerin oder auch alleine predigen dürfen – das war jedes Mal ein besonderes Erlebnis und eine Erfahrung, die mir bestätigt hat, dass ich in meinem Studium auf etwas lohnenswertes hinarbeite.

Mittlerweile nähere ich mich meinem ersten theologischen Examen. Vor einigen Wochen durfte ich dann die Herausforderung „Predigt“ auch in einer anderen Gemeinde annehmen: im Rahmen einer „Gospelchurch“ der evangelischen Kirchengemeinde in Waldbröl wurde ich über persönliche Kontakte gefragt, ob ich zu dem Thema „Zukunft der Kirche“ einen Impuls halten würde. Da ich zu dieser Gemeinde auch einen persönlichen Bezug habe – mein Großvater war dort früher Pfarrer – habe ich mich über diese Frage sehr gefreut und mich entschieden, sie trotz einiger Nervosität gerne anzunehmen.

Die Goslpelchurch ist ein Konzept der Gemeinde, bei dem einige Male im Jahr ein zusätzlicher Gottesdienst um 18 Uhr stattfindet, welcher auf besondere Weise musikalisch gestaltet wird. Es werden Chöre oder Musiker*innen eingeladen, um den Gottesdienst mitzugestalten und viele Lieder gemeinsam mit der Gemeinde gesungen. Im Vorbereitungsteam hatten wir uns für diesen Gottesdienst den Text Römer 12, 3-8 als Grundlage heraus gesucht, welcher auch zu Beginn des Gottesdienstes durch die Gestaltung einer großen Figur mit verschiedenen Zetteln, die mit Talenten beschriftet waren (z.B. zuhören, lehren, gestalten usw.), aufgearbeitet wurde. Als es dann so weit war, war ich doch aufgeregter, als ich gedacht hatte – Zukunft der Kirche habe ich als durchaus ambivalentes Thema empfunden und in der Kirche war deutlich mehr los, als ich erwartet hatte. Vielleicht hatten einige meinen Opa noch auf der Kanzel erlebt, würde ich deren Erwartungen gerecht werden? Aber schnell habe ich gemerkt, dass ich mich wieder einfinde und nach wie vor Freude daran hatte, meine Gedanken in diesem Rahmen teilen zu dürfen. Die Gemeinde habe ich als sehr offen und aufmerksam empfunden und ich war sehr dankbar, als nach dem Gottesdienst sogar positive Rückmeldung kam! So war die erste „auswärts“ Predigt eine wirklich bereichernde und bestätigende Erfahrung für mich und ich kann nur empfehlen: Wenn ihr die Möglichkeit habt, nehmt sie an und probiert euch aus, auch wenn es gruselig erscheint und man sich vielleicht noch nicht so weit fühlt. Denn ich habe aus dieser Erfahrung sehr viel mitnehmen können, Dinge die ich gerne anders machen würde beim nächsten Mal, aber auch, dass es sich lohnt, über den eigenen Schatten zu springen!

Wer möchte kann gerne hier meine Predigt lesen:

Was würden Sie tun, wenn in Zukunft….??

So viele Möglichkeiten, wie dieser Satz weiter gehen könnte. Wenn in Zukunft…was? Was bringt die Zukunft mit sich? Immer wieder versuchen wir uns als Menschen auszumalen, wie es in naher und ferner Zukunft aussehen könnte, kreieren Filme und Bücher, Utopien und Dystopien, fantasieren, projizieren, berechnen, machen uns Gedanken – Gedanken, die in verschiedene Richtungen gehen können. Hoffnung auf die Zukunft? Vielleicht entwickelt sich alles in eine positive Richtung, Dinge verbessern sich, wir blicken optimistisch nach vorne. Oder Sorge vor der Zukunft? Wir bangen vor dem, was kommen mag, vielleicht verändern sich Dinge in eine Richtung, die uns nicht gefällt. Angst vor dem, was passieren könnte, Ungewissheit und Frust, weil wir keine Kontrolle haben. Aber auf der anderen Seite die Hoffnung, die Vorfreude auf das, was kommen wird, der Tatendrang, das in die Hand zu nehmen, was wir selber bestimmen können.

„Zukunft“, ein großes Wort, voller Gefühle und Erwartungen. Fakt ist, bei allen Versuchen, Vorhersagen treffen zu wollen, können wir nicht wissen, was in den nächsten Stunden, Wochen und Jahrhunderten passieren wird. Klar, manche Dinge können wir mit der heutigen Technik ziemlich konkret vorhersagen und wir bilden uns ein, das Leben planen zu können. Aber eine wirkliche Gewissheit haben wir dann ja doch nicht: alles mögliche passiert, lenkt das Leben in neue Bahnen, wirft alles durcheinander…und dann? Was passiert dann?

Was würden Sie tun, wenn in Zukunft die Kirche…?? Nochmal, so viele Möglichkeiten, wie dieser Satz weiter gehen könnte. Wenn in Zukunft die Kirche…nicht mehr existiert? Oder wenn in Zukunft die Kirche, ich lehne mich jetzt mal weit aus dem Fenster, völlig überlaufen ist?

Wenn Gottesdienstformen sich verändern, Kirchenordnungen angepasst werden, Traditionen sich weiter entwickeln und alles plötzlich anders ist als vorher? Auch hier können wir mit ganz viel Sicherheit nur eins sagen: wir wissen nicht, wie die Zukunft der Kirche aussehen wird. Im Moment beobachten wir Kirchenaustritte, die Kirche wird in der Öffentlichkeit kritisch betrachtet, der Pfarrberuf verändert sich, aktive Gemeindeglieder werden weniger…alles erstmal ein berechtigter Grund, sich Gedanken zu machen. Da stehen Veränderungen im Raum, das sorgt für Unsicherheit, aber das ist auch gut! Denn auch Kirche darf sich verändern, darf sich auch selbst kritisch betrachten, was sie ja auch tut. Kritisch auf das vorhandene System gucken, vergangene Fehler ehrlich beleuchten und reflektieren, und vor allem dann auch Raum schaffen für Prävention und Verbesserung, Lösungen suchen und ausprobieren – das alles darf, muss, passieren und passiert auch an vielen Stellen bereits…heißt das, alles über Bord werfen? Oder heißt das, auch kritisch zu reflektieren, was gehört denn unabdingbar zu uns, was gilt es zu bewahren, was ist erhaltenswert und welche Veränderungen gehen vielleicht zu weit? Und das alles möglichst auf offene und ehrliche Weise, ohne Geschehenes verstecken zu wollen, ohne Dingen ihren Wert abzusprechen…Die Entwicklungen im Moment können wir nicht weg reden – es wird Herausforderungen geben, denen sich Kirche, denen wir uns in den nächsten Jahren stellen müssen, denen wir uns aber auch stellen wollen. Denn auch wenn ich diese Probleme als sehr präsent empfinde, erlebe ich auch täglich motivierte und engagierte Menschen, die sich genau diesen Herausforderungen annehmen wollen, Ideen haben und Chancen sehen. Die Zukunft kommt schrittweise auf uns zu und damit müssen wir irgendwie umgehen. Die Gesellschaft verändert sich, wird schnelllebiger, der Stand von Religion verändert sich, wird vielleicht wissenschaftlicher betrachtet und somit verändert sich auch das Gemeindeleben, Methoden in Gottesdiensten und Strukturen innerhalb der Kirche.

Was heißt das für die Zukunft der Kirche konkret? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Klar, es gibt Ideen, Pläne, die ich alle gerne ausprobieren würde, um Menschen zu erreichen…im Theologie Studium reden wir immer häufiger über digitale Theologie, es wird nachgedacht darüber, Gottesdienste zu anderen Zeiten und offene Kirchen anzubieten, um „flexibler“ zu sein und mit der Zeit zu gehen. Menschen in ihrem stressigen Alltag durch kürzere Angebote vielleicht erreichen zu können und das vielleicht sogar, ohne dass sie vor Ort sein müssen, oder Gottesdienste umzugestalten, in eine neue musikalische Richtung zu gehen und die Gemeinde mehr einzubinden. Oder in Städten Kirchengebäude in Projekten für die Jugend- und Sozialarbeit zu öffnen, City Kirchen zu schaffen…aber ist das dann die Lösung? Ich weiß es nicht. Aber wenn ich im Laufe meines Studiums eins gelernt habe, dann ist es hinzunehmen, Dinge nicht immer sicher wissen zu können. „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen“, hat der bekannte Autor Antoine de Saint Exupery einmal geschrieben. Wir müssen gar keinen genauen Plan haben, was die Zukunft bringt. Nicht wissen zu müssen, was genau passieren wird – da stehen wir als Christen doch auf einem guten Fundament: denn egal was an strukturellen Veränderungen auf uns zu kommt, egal wie befremdlich neue Ideen vielleicht erstmal erscheinen können, wenn wir dabei entlang eines fest stehenden Gerüsts arbeiten, bleibt die Basis, die Grundannahme doch die gleiche. Und dieses Fundament, dieses Gerüst sehe ich ganz klar in unserem Glauben. Eben haben wir davon im Lied „I believe“ noch gesungen: „Ich glaube an Gott den Vater, den Sohn und den heiligen Geist. Ich glaube, dass Du mein Gott bist.“ Das ist doch mal ein solides Fundament, darauf baue ich gerne. Und dann kann sich doch die Auslebung unseres Glaubens, die Strukturen und die äußeren Umstände verändern, so viel wie sie wollen, wenn wir sie auf diesen Grundsätzen basieren, bleiben sie doch trotzdem genau das: unser gemeinsam ausgelebter Glaube an Gott. Dafür braucht es sicherlich einige unveränderliche „Bausteine“. Aber ich finde, das ist ein bisschen wie mit der Musik, die wir ja auch in diesem Gottesdienst heute besonders erleben dürfen. Auch Musik hat sich im Laufe der Zeit entwickelt, ich meine, wer zum Beispiel einem mittelalterlichen Minnesänger die Beatles vorgespielt hätte, hätte sicherlich auch erstmal Verwirrung bis hin zu Empörung oder gar Abscheu zu spüren bekommen. Trotzdem ist beides Musik – ob man die jetzt als schön empfindet oder nicht, sei mal dahingestellt. Aber so eine weite Zeitspanne brauchen wir uns ja eigentlich gar nicht anhören, selbst in den letzten 100 Jahren hat sich Musik entwickelt und verändert und jede Generation hat da so ihre eigenen Vorlieben. Trotzdem braucht auch Musik ein paar feste Bausteine, um als Musik identifizierbar zu bleiben: sie braucht Töne in irgendeiner Form, Rhythmus, vielleicht Melodien oder Harmonien – ich glaube, Sie wissen, worauf ich hinaus will. Und so wie Musik unterschiedlich ausgelegt werden kann, kann es auch die Auslebung unseres Gemeindelebens in den Kirchen – solange die Grundbausteine, das Fundament vom Glauben und Vertrauen auf unseren Gott, vorhanden sind.

Eines ist dabei noch unerlässlich: so wie es für gelungene Musik Musizierende braucht, braucht es für gelungenes Gemeindeleben Menschen, die sich einbringen. „Die Zukunft soll man nicht voraussehen wollen, sondern möglich machen.“ Egal wie es mit der Kirche in Zukunft weiter gehen sollte, ohne Menschen wird es schwierig. Menschen, die die Zukunft möglich machen. Im Lesungstext aus dem Römerbrief haben wir eben gehört: „Als Menschen, die zu Christus gehören, bilden wir alle ein unteilbares Ganzes; aber als Einzelne stehen wir zueinander wie Teile mit ihrer besonderen Funktion.“ An der Figur ist es schön zu erkennen – die unterschiedlichen Glieder, die unterschiedlichen Talente, bilden ein Ganzes. Menschen, die vom Glauben erzählen können, die handwerklich begabt sind, die Ideen haben, die zuhören können, kreativ und künstlerisch sind, lehren können, sich um andere kümmern…so viele Begabungen die einfließen in ein funktionierendes Gemeindeleben. Und das gibt mir Hoffnung, denn jeder von uns hat Fähigkeiten und Talente, die der Gemeinschaft auf die ein oder andere Art zuteil werden und das wird sich auch in Zukunft nicht ändern. Als Menschen, die zu Christus gehören sind wir Teil eines Ganzen und tragen dazu bei, einfach in dem wir sind, wer wir sind. Einige Glieder halten vielleicht an vorhandenen Traditionen fest, andere wollen modernisieren und umgestalten…und andere sind gut darin, zu vermitteln und Kompromisse zu finden. Deshalb glaube ich, dass wir zuversichtlich und mutig nach vorne gehen können, in Vertrauen auf die Fähigkeiten unseres Gottes und auf unsere eigenen. Dass wir gemeinsam den Weg im christlichen Glauben gehen können und wie der Römerbrief uns empfiehlt: auf Einigkeit und Frieden bedacht sind. Lasst uns uns auch in Zukunft in unsere Gemeinschaft einbringen auf so individuelle Art, wie auch unsere Begabungen individuell sind. Lasst uns füreinander und miteinander da sein und uns gegenseitig stützen und unterstützen. Lasst uns die Zukunft einen Tag nach dem anderen nehmen, Veränderungen als Chance sehen und nicht als Bedrohung und uns fragen, wie wir die Zukunft möglich machen können.

„Was würden Sie tun, wenn in Zukunft?“ …Vielleicht ist das die falsche Frage. Wir können unsere Zukunft nicht genau bestimmen oder vorhersehen, aber wir können Sie vielleicht mit unserem Gott und unseren Fähigkeiten im Rücken mitgestalten. Wir können unsere Gemeinschaft und unseren Glauben leben und Gemeinde gestalten. Deshalb frage ich an dieser Stelle: was würden Sie tun, um in Zukunft? Was erhoffen Sie sich, was wünschen Sie sich? Was möchten Sie nicht? Und was würden wir tun, um in Zukunft diese Wünsche anzugehen? Diese Wünsche anzugehen, um unsere Kirche weiterhin zu bauen in vielen verschiedenen Facetten, Farben und Gliedern, aufgebaut auf dem Fundament unseres gemeinsamen Glaubens. Was würden wir tun, um in Zukunft?