Theologie – schickt dich auf Reise(n) – der Reality Check fürs Studium

Der Reality Check fürs Studium – im Gespräch mit Magistra Theologiae Carla Weitensteiner über das Neue Testament

Ein Interview zwischen Frau Carla Weitensteiner und Frau Saskia Held

 

Liebe Carla, was macht die Theologie eigentlich? In einem Satz zusammengefasst.

Die Theologie beschäftigt sich mit Fragen des Menschseins im Angesicht Gottes in der Welt.

Und was macht das Fach des Neuen Testament so interessant für dich?

Das Fach des Neuen Testaments ist für mich so interessant, weil wir uns im Neuen Testament mit den ersten Zeugnissen des entstehenden Christentums beschäftigen, also zu den Ursprüngen und der Entstehung des christlichen Glaubens zurück gehen. Das geht über die Briefe des Paulus, aber natürlich auch über die Berichte über Jesus von Nazareth in den unterschiedlichen Fassungen der Evangelien. Für mich besonders spannend ist es aber auch, über die Kanongrenzen hinweg zu gucken und zu sehen wie das Neue Testament in Diskussionen und Auseinandersetzung mit seinem griechisch-römischen und seinem frühjüdischen Kontext entstanden ist – mit letzterem beschäftige ich mich schwerpunktmäßig.

Was muss man an Literatur im NT unbedingt gelesen haben? Welche sind deine persönlichen Literaturtipps?

Ich versuche, gerade wenn mich Studierende mit Blick auf das Examen nach Literatur fragen, das möglichst pragmatisch anzugehen. Man kann in seinem Studium und in seinem Leben nur begrenzt viel lesen. Es gibt Standardwerke, die sich eigentlich für jede Phase des Studiums gut eignen. Ich würde z.B. immer das „Paulus“ Buch von Michael Wolter empfehlen, eine Darstellung über das Leben und die Theologie des Paulus, die trotz ihrer hohen Wissenschaftlichkeit sehr zugänglich und angenehm zu lesen ist.  Einen sehr guten historischen Überblick, bietet z.B. die „Geschichte des Urchristentums“ von Dietrich-Alex Koch. Einen guten ersten Einblick bieten auch einführende Lehrbücher wie „Einleitung in das Neue Testament“ von Udo Schnelle oder die Bibelkunde des Neuen Testaments von David Bienert. Da sind zwar schon wieder ein paar Seiten zusammen gekommen, aber damit hat man eine gute Grundlage.

Warum ist Paulus so wichtig?

Der Aufbau des Kanons ist dahingehend etwas irreführend, aber tatsächlich sind die Briefe des Paulus die ersten und ältesten Zeugnisse im Neuen Testament über Jesus und das entstehende Christentum. Also salopp formuliert: Paulus hat den Stein überhaupt erst ins Rollen gebracht.

 

 

Magst du dich und deinen Weg in die Theologie kurz vorstellen?

Ich bin tatsächlich, wie sagt man es so schön, „Spätberufene“. Ich habe nach meinem Abitur erstmal ein freiwilliges soziales Jahr bei der Diakonie gemacht und habe dort Schüler*innen an Schulen betreut, die besondere Herausforderungen haben und sie bei ihrem Lernalltag unterstützt. Danach habe ich Anglistik und Deutsch als Zweit- und Fremdsprache studiert. Die  Auseinandersetzung mit Sprache, Literatur und Kultur hat mir sehr viel Spaß gemacht und ich habe schwerpunktmäßig Veranstaltungen zu postkolonialen und feministischen Themen belegt. Nach dem Bachelorabschluss hatte ich dann das Gefühl, dass ich gerne noch einmal  etwas anderes ausprobieren möchte. Die Entscheidung für das Theologiestudium ergab sich dann vor allem aus zwei Gründen: Zum einen gab es in meiner Heimatgemeinde während meiner Jugendzeit einen Pfarrer, der viel Energie in die Jugendarbeit investiert und eine tolle Gemeinschaft geschaffen hat und der mir auf diese Weise eine sehr positive Perspektive auf den Pfarrberuf geboten hat. Zum anderen hatte ich das Gefühl, meine vielfältigen Interessen, also das literaturwissenschaftliche, das soziale, das politische im Theologiestudium gut vereinen zu können. Einer der vielen tollen Aspekte eines Theologiestudiums ist ja, dass man sehr vielen unterschiedlichen Interessen und Themen nachgehen und Schwerpunkte frei wählen kann. Die Realität ist aber natürlich auch, dass man diesem Studium viel Fleiß und Disziplin entgegenbringen muss; nicht nur wegen der Sprachen, sondern auch mit Blick auf das Examen. Darauf sollte man sich einstellen und gleichzeitig nicht den Mut und die Freude verlieren. Mich persönlich hat das Lernpensum und die Anforderungen im Studium im Hinblick auf meine „Arbeitsethik“ im Positiven sehr verändert und mich einiges gelehrt.

Wo ich noch mehr Bedarf im Theologiestudium sehe, ist die Erweiterung unserer häufig noch sehr eurozentrischen und patriarchalen Perspektive auf Geschichte, Literatur und eben auch Theologie. Da sind andere Fächer schon weiter. Wir beginnen zu verstehen, wie wichtig es ist, diverse Biographien, Perspektiven und Erfahrungen anzuhören, sie in unsere Arbeit einzubeziehen und vor allem von ihnen zu lernen. In der Praxis bedeutet das, dass wir Lehrpläne und Literaturlisten anpassen und diverser gestalten sollten. Die Vorkenntnisse von Studierenden und Lehrenden sind dahingehend sehr unterschiedlich. Manche sind schon ziemlich „aware“, wie man heute so sagt, andere müssen erst noch „abgeholt“ werden. Und eigentlich bin ich selbst gerade ein schlechtes Beispiel, denn (wer aufmerksam gelesen hat) ich habe eben als „should-read“ des NT nur weiße, deutsche Theologen genannt. Eine wichtige Erinnerung, sich auch selbst immer wieder einem Reality Check zu unterziehen. Dabei gibt es auch viele tolle Frauen, die im Bereich Neuen Testament / Antikes Judentum forschen und lehren.  So wie Oda Wischmeyer, Musa Wenkosi Dube, Adela Yabro Collins und Amy-Jill Levine, die erst vor Kurzem die Bonner Fakultät im Rahmen ihres Gastaufenthaltes begeistert hat.

Du bist gleichzeitig auch Gleichstellungsbeauftragte an der Fakultät. Wie läuft es mit der Gleichstellung in der Theologie?

Wir sind auf einem guten Weg, sagen wir es so. In Bonn werden wir zum kommenden Semester zwei neue Professorinnen an der Fakultät haben, vielleicht bald eine dritte. Das ist ein wichtiger Fingerzeig, denn sowohl die Theologie als auch die Kirche werden in Zukunft weiblicher werden. Verglichen mit früheren Zahlen, haben wir heute sehr viel mehr weibliche Studierende und mehr Nachwuchswissenschaftlerinnen im so genannten Mittelbau an der Fakultät. Trotz dieser positiven Aussichten sind wir noch mittendrin, Studium und Beruf chancengleicher bzw. – gerechter zu machen. Es gibt noch einiges zu tun, sei es die Beschäftigung mit Themen wie Care-Arbeit, die eben immer noch zum größten Teil von Frauen geleistet wird und Angehörige aller Statusgruppen betreffen kann, oder Diskriminierung aufgrund unterschiedlicher Persönlichkeitsmerkmale, für die kontinuierlich sensibilisiert werden muss.

Was gibst du Studierenden für Tipps zum Lernen und Lesen, die sich gerade um den Spracherwerb bemühen?

Erstmal ist wichtig zu betonen: Die Ursprachen stellen für jede*n eine Herausforderung dar, da ist niemand alleine. Ich denke, das liegt zu großen Teilen auch daran, dass es eine ganz andere Art von Sprachelernen ist, als man das vielleicht aus der Schulzeit und dem Lernen moderner Sprachen gewohnt ist. Ich würde immer dafür plädieren, bei aller Anstrengung im Kopf zu behalten: Die „alten“ Sprachen eröffnen neue und faszinierende Welten, sie schicken uns auf Reisen in die Vergangenheit. Sie ermöglichen es uns, in vergangene (Hoch-) Kulturen einzutauchen und ein Verständnis für das Denken und Leben der Menschen zu gewinnen, die damals existierten. Wie wichtig es ist, dass Theolog*innen die alten Sprachen beherrschen, wird zum Beispiel aber auch deutlich, wenn wir sehen, wie viele unterschiedliche Bibelübersetzungen es gibt. Für nicht wenige Wörter im Hebräischen und Griechischen gibt es mehrere Übersetzungsmöglichkeiten, die je nach Übersetzung ggf. die Bedeutung eines ganzen Verses oder einer Perikope verändern können. Übersetzungen bilden Meinungen, sie bilden Realitäten, und deshalb ist es auch für angehende Lehrer*innen und Pfarrer*innen ungemein wichtig, mit einem durch die Sprachen geschulten Blick in den Urtext und die unterschiedlichen Bibelübersetzungen zu schauen. Ich sehe die Sprachen heute also alles in allem als einen unglaublicher Gewinn an, auch wenn ich selbst bestimmt mehr als einmal gejammert und geflucht habe, weil ich zu Beginn des Studiums alle drei Sprachzertifikate, also Hebraicum, Graecum und Latinum, machen musste.

Meines Erachtens sollte weniger darüber diskutiert werden, wie oder wann die Sprachen abgeschafft oder reduziert werden können, sollte es eher darum gehen wie Bestehendes verbessert werden kann, z.B. mithilfe neuer (digitaler) Methoden, die das Lernen unterstützen, oder indem die Phase des Spracherwerbs besser in das Studium eingebunden wird, als es zur Studienvoraussetzung zu machen, die so parallel nebenher läuft. Ich glaube, es ist immens wichtig, vor Augen geführt zu bekommen, wofür man lernt, wofür man sich eigentlich anstrengt. Außerdem als kleiner Tipp am Rande: Es gibt in den Semesterferien tolle Angebote zu Intensivkursen „woanders“, im In- und Ausland, die zum Erfolg führen können. Ich war für mein Graecum damals zum Beispiel in Neuendettelsau, an der Augustana Hochschule für Evangelische Theologie. Dort hat man zwischen Hase und Igel viel Ruhe und wenig Ablenkung und kann sich voll aufs Griechischlernen konzentrieren – was für mich perfekt war.

Du promovierst selbst gerade, nämlich im NT zum Thema Schuld und Vergebung im antiken Judentum.

Genau, was relativ witzig ist, weil ich im Studium zunächst eigentlich NT am wenigsten mochte, sondern vor allem ST und PT Veranstaltungen besucht habe. Als ich später dann wissenschaftliche Hilfskraft im NT wurde, durfte ich schon während des Studiums an der neutestamentlichen-ökumenischen Sozietät und verschiedenen Tagungen teilnehmen und bin auf diesem Wege als Studentin mit dem wissenschaftlichen Arbeiten und Forschen in Berührung gekommen. Am Ende meiner Examensphase, nachdem ich bereits meine Magisterarbeit über das Thema Schuld und Vergebung geschrieben hatte, habe ich das Promotionsangebot bekommen.

Tatsächlich habe ich mich in meiner Dissertation mit einem Text, der nicht Teil des biblischen Kanons ist, beschäftigt: „Das griechische Leben Adam und Evas“, ein frühjüdischer Text aus dem 1./2. Jh. n. Chr. Er erzählt die Geschehnisse aus Genesis 2-3, also die so genannte Paradieserzählung nach und gestaltet sie auf besondere Weise aus. Er ist vermutlich einer der ältesten Texte, oder vielleicht sogar der älteste Text, der den Teufel in die Erzählung integriert; in der ursprünglichen Genesiserzählung haben wir ja „nur“ eine Schlange. An diesem Text kann man schön erkennen, wie mithilfe einer bekannten Erzählung die eigenen als negativ empfundenen Lebensumstände erklärt wurden. Heute würde man sagen, dass der Text auf sehr problematische Weise versucht, menschliche Wirklichkeit, mitsamt Krankheit und Tod, auf die Verfehlungen Adam und Evas, die als Prototypen aller Menschen fungieren, zurückzuführen. Er konstruiert damit eine Idee von Tun-Ergehen, die ja bereits im Alten Testament kritisch hinterfragt und zum Beispiel bei Hiob letztlich abgelehnt wird. Im „Griechischen Leben Adams und Evas“ ist Gott gerecht, gerecht, indem er bestraft und nicht vergibt. Solche Vorstellungen irritieren heute viele – und das zurecht – trotzdem plädiere ich immer dafür, sich auch mit solchen ambivalenten Texten auseinanderzusetzen, denn sie gewähren uns einen unmittelbaren Einblick in die Gedankenwelt frühjüdischer (Diaspora-)Gemeinden, die in vielerlei Hinsicht mit existenziellen Herausforderungen konfrontiert waren. Als Exegetin muss ich auch solche schwierigen Aussagen stehen lassen und aushalten und darf nicht versuchen, sie irgendwie „geradebiegen“ zu wollen. In jedem Fall empfiehlt es sich, auch immer mal über die Kanongrenzen hinwegzuschauen und Texte zu lesen, die vielleicht nicht Teil des regulären Curriculums sind. Sie verdeutlichen, was wir bereits im Alten und Neuen Testament erkennen: die Vielgestaltigkeit der frühjüdischen und frühchristlichen Glaubenszeugnisse.

Und wenn du jetzt zum Schluss nochmal die Theologie zusammenfassen musst, wie würde dein Testimonial aussehen?

Theologie – schickt dich auf Reise(n)