„Das Alte Testament lehrt mich Gelassenheit.“ Tipps für das Studium des Alten Testaments von Prof. Markus Saur
Interview zwischen Prof. Dr. Markus Saur und Theologiestudentin Saskia Held

Lieber Herr Saur, was macht die Theologie eigentlich? In einem Satz zusammengefasst.
Die Theologie versucht zu erklären, wie im 21. Jahrhundert verantwortlich von Gott, Welt und Mensch, im Lichte unserer Tradition, gesprochen werden kann.
Theologie muss dabei risikobereit sein und die christlichen Glaubensinhalte beziehungsweise sich selbst auch in Frage stellen lassen, in der Kirche, in den Fakultäten, aber auch im Gespräch mit anderen Disziplinen an der Universität. Sie muss sich mit christlichen Glaubensinhalten in historischer Perspektive, aber auch mit einem Blick in die Gegenwart auseinandersetzen und dabei Querverbindungen und Kooperationen suchen. Das machen wir hier an der Universität in Bonn, wo uns der interdisziplinäre Austausch besonders am Herzen liegt.
Muss man Christ*Christin sein oder persönlich glauben, um Theologie zu studieren?
Nein, aber man muss bereit sein, sich mit den Phänomenen Religion und Glaube auf hohem Niveau auseinanderzusetzen. Der persönliche Glaube ist keine Voraussetzung für das Studium – wo er vorhanden ist, wird er sich im Verlauf des Studiums auch verändern. Das ist ein Prozess, der selbstverständlich einsetzt und auf den man sich einlassen muss. Glaube und Theologie gehen aber sehr gut zusammen. Man bringt durch persönlichen Glauben eine besondere Motivation mit, die vielleicht fehlt, wenn man mit Glaube, Kirche und Religion gar keine Erfahrungen gemacht hat. Man muss aber bereit sein, seine mitgebrachten Überzeugungen in Frage stellen zu lassen und auch einmal an dem zu zweifeln, was man bisher für richtig gehalten hat. Fragen und Zweifel haben ja etwas Produktives und können am Ende ein Stück weiterbringen. Das kann zum Beispiel dann passieren, wenn man die Bibel nicht mehr nur in einer Übersetzung wie der Lutherbibel liest, sondern die Hebräische Bibel oder das griechische Neue Testament studiert, dadurch neue Aspekte in vertrauten Texten entdeckt und Entdeckungen macht, die durch Übersetzungen vielleicht verstellt waren.
Heute sind Sie Professor für das Alte Testament in Bonn. Wie sind Sie zur Theologie gekommen?
Während der Schulzeit habe ich schon viel nebenher gemacht, vor allem viel Kirchenmusik, Orgel gespielt, im Chor gesungen. Außerdem bin ich in einem evangelisch-christlichen Elternhaus groß geworden und mit der Kirche und den christlichen Traditionen aufgewachsen. Es gab eigentlich nie einen Tag in meinem Leben, an dem dieser Hintergrund nicht irgendwie präsent war. In der Schule habe ich dann aber auch durch einen großartigen Lateinunterricht mein Interesse an der Antike entdeckt. So bin ich in die Fragen der Philosophie, der Geschichte und am Ende auch der Theologie mehr oder weniger hineingewachsen und habe nach dem Abitur mit dem Theologiestudium begonnen, um Pfarrer zu werden. Während des Studiums hatte ich dann immer mehr Interesse an den ältesten erreichbaren Texten der Bibel, und das sind eben die jüdischen Texte der Hebräischen Bibel, also das, was wir das Alte Testament nennen. Nach meiner Promotion im Fach Altes Testament bin ich gar nicht mehr ins Vikariat gegangen, obwohl ich das immer vorhatte. Mit 34 kam der Ruf auf eine Professur in Kiel – mein Karriereweg verlief ziemlich glücklich und geradlinig. Meiner Kirche bin ich dabei immer sehr verbunden gewesen und geblieben – und engagiere mich ja auch sehr bewusst in der EKiR, die mittlerweile die Landeskirche geworden ist, zu der ich sehr gern gehöre.
Für eine Promotion war der Zeitpunkt direkt nach dem Examen für mich genau richtig.
Die Phase kurz vor und kurz nach dem Examen ist die, in der man durch die vergleichsweise lange Examensvorbereitung das breite Wissen der Theologie ziemlich präsent hat. Deswegen ist es nicht schlecht, sich genau zu diesem Zeitpunkt in eine spezielle Fragestellung zu vertiefen. Man ist dann ja gerade auf einem hohen Wissensniveau – und das ist deswegen aus meiner Sicht der richtige Moment, eigene Interessen zu vertiefen und einer Forschungsfrage nachzugehen. Danach sollte man aber diese gewonnenen Forschungserfahrungen und das Fachwissen auch im Vikariat mit der Praxis verknüpfen – aber da bin ich wirklich ein schlechter Ratgeber, weil es bei mir ja anders lief…
Was macht das Alte Testament so besonders für Sie?
Das Alte Testament ist deswegen so besonders, weil wir mit Blick auf das Alte Testament bzw. die Hebräische Bibel die ältesten erreichbaren Grundlagen der jüdisch-christlichen Tradition erforschen, in ihren Ursprachen Hebräisch und Aramäisch. Wir versuchen so, den Wurzeln besonders nahe zu kommen. Wir stehen dabei eigentlich mitten im Alten Orient, zwischen den Hochkulturen Mesopotamiens und Ägyptens. Unter deren Einfluss steht auch das Alte Testament. Die alttestamentlichen Texte nehmen Ideen und Impulse dieser Umwelt auf. Diese Prozesse versuchen wir in der alttestamentlichen Wissenschaft zu beleuchten.
Zuletzt habe ich mich intensiv mit weisheitlicher Literatur beschäftigt. In der alttestamentlichen Weisheitsliteratur verdichtet sich Wissen zunächst einmal in der Form von Sprüchen, die die Beobachtung der Welt und die Herausforderungen des Lebens miteinander in Beziehung setzen. „Wer eine Grube gräbt, fällt hinein – und wer einen Stein wälzt, auf den rollt er zurück.“ – so liest man in Spr 26,27. Worum geht es? Wer handelt, sollte berücksichtigen, welche Folgen das Handeln haben kann und welche Gefahren es mit sich bringt. Wer Gruben gräbt, sollte darauf achten, nicht hineinzufallen – und wer schweres Gerät bewegt, sollte aufpassen, dass es ihn nicht umhaut. Diese kurzen Sprüche sollen dabei helfen, Herausforderungen des Lebens mithilfe der Erfahrungen anderer, die sich in den Sprüchen konzentrieren, erfolgreich bewältigen zu können. Die Weisheitsliteratur lehrt aber auch, Krisensituationen, in die jeder Mensch geraten kann, mit einer gewissen Widerstandsfähigkeit zu begegnen. Dieser Umgang mit besonderen Herausforderungen und Krisen ist vor allem das Thema des Kohelet- oder Predigerbuches. Was mache ich eigentlich, wenn ich wahrnehme, dass mein Leben Grenzen hat? Wie gehe ich damit um, dass meine Lebenszeit und meine Erkenntnismöglichkeiten beschränkt sind? Deprimiert mich diese Einsicht? Verfalle ich in Trauer? Oder nehme ich in dieser Begrenzung meine eigenen Kapazitäten und Möglichkeiten in besonderer Weise wahr und lerne mit meinen Ressourcen sinnvoll und gleichzeitig achtsam umzugehen? Erkenne ich innerhalb meiner Grenzen trotz der Grenzen einen Raum, den ich gestalten kann? Für Kohelet ist dieser Raum des Lebens ein Raum, in dem alles seine Zeit hat. Kohelet lehrt, dass ich als Mensch meine Zeit gestalten kann – gerade vor dem Hintergrund, dass alles vergänglich und flüchtig ist. Kohelet gewinnt aus der Einsicht in die Begrenztheit des Menschen und die Vergänglichkeit von allem eine innere Freiheit im Umgang mit der Welt, die ihn zur Mäßigung im Blick auf eigene Ansprüche führt: Ich muss nicht mehr leisten, als ich leisten kann. Gerade daraus erwächst ein hohes Maß an Gelassenheit. Deswegen habe ich mein eigenes Buch zum Denken Kohelets auch unter den Titel „Gelassenheit“ gestellt.
Mit welchen Methoden arbeiten Sie im Alten Testament?
Methodisch arbeiten wir in der Alttestamentlichen Wissenschaft vor allem philologisch, also mit einer großen Liebe zu jedem einzelnen Wort des hebräischen Textes in seinen verschiedenen Fassungen. Unsere modernen Textausgaben gehen auf unterschiedliche Quellen zurück und wir versuchen herauszuarbeiten, wie die alttestamentlichen Bücher über mehrere Jahrhunderte hinweg in ihre nun vorliegende Gestalt gekommen sind. Bei dieser Arbeit am Text lernt man sehr bald, dass es gar nicht den einen Bibeltext gibt, sondern dass wir teilweise unterschiedliche Fassungen von biblischen Büchern haben, die darauf hinweisen, dass es schon in der Entstehungszeit der Bücher Debatten innerhalb der Verfasser- und Trägerkreise gab, die dann zu unterschiedlichen Buchgestalten führten. Wenn wir heute unterschiedliche Auslegungen biblischer Texte diskutieren, dann spiegelt das letztlich nur die Debatten in der Entstehungszeit der Bücher. Das kann man zum Beispiel am Ezechielbuch beobachten, wo wir in der hebräischen Fassung im dritten Teil des Buches in Ez 33–39 eine Kapitelfolge vor uns haben, die nach der Hoffnung auf ein Wiedererstehen Israels Bilder eines chaotischen Kampfgeschehens zeichnet. In einer anderen Fassung des Buches sind die Kapitel genau umgekehrt gereiht: Erst kommt der chaotische Kampf – und danach die Auferstehung des Volkes, das am Boden liegt. Das sind zwei unterschiedliche Perspektiven auf die Zukunft, über die man sich anscheinend in den antiken Verfasserkreisen nicht einigen konnte – und daher sind uns nun zwei Fassungen dieses Teils des Ezechielbuches überliefert.
Welchen Tipp haben Sie für das Lesen und Lernen der Bibel?
Am Ende des Studiums sollte eine Theologin oder ein Theologe seine Bibel gut kennen. Das ist deshalb wichtig, weil man als Theolog*in zum einen auskunftsfähig sein muss gegenüber denjenigen, die an den Hintergründen und Anliegen der Texte interessiert sind. Man muss andererseits aber auch da auskunftsfähig sein, wo Menschen die Bibel absolut setzen und fundamentalistisch lesen, als ob es in der Bibel nicht sehr verschiedene Perspektiven auf Gott, die Welt und den Menschen geben würde. Gerade in solchen Gesprächssituationen sollte eine evangelische Theologin, ein evangelischer Theologe gut wissen, was wo steht, um im Zweifelsfall einer in den Raum gestellten Aussage aus der Bibel eine biblische Gegenaussage zur Seite stellen zu können. Deswegen gehört es in der evangelischen Theologie einfach dazu, in der Bibel zu lesen und bei diesem Lesen ihre Vielfalt zu entdecken. Dann stellt man zum Beispiel fest, dass in der Bibel nicht nur von einem Gott die Rede ist, der die Schuld der Väter an den Kindern bis in die dritte und vierte Generation heimsucht, sondern eben auch von einem barmherzigen und liebenden Gott, dem es nicht nur um die Gemeinschaft, sondern um jeden Einzelnen geht. Das kann man gut studieren, wenn man Exodus 20 und Ezechiel 18 nebeneinanderlegt und als ein Gesprächsangebot liest. Mit solchen Beispielen versuche in der Lehre den Reichtum der Hebräischen Bibel zu erschließen und so die Weite der Texte und ihrer Bedeutungen zu vermitteln. Dabei ist mir sehr wichtig, was für jede Form von Literatur gilt: Wir lesen zwar die Texte, aber die Texte lesen auch uns – niemand kommt so aus der Lektüre eines Textes heraus, wie sie oder er an den Text herangetreten ist. Nach dem Lesen eines biblischen Textes verstehe ich im Idealfall nicht nur diesen biblischen Text, sondern vielleicht sogar mich und mein Leben ein bisschen besser.

Wie können Sie Studierende ermutigen, die gerade Hebräisch lernen müssen?
Das Studium der biblischen Sprachen ist für die evangelische Theologie grundlegend. Es ist einfach etwas anderes, ob ich mich auf Übersetzungen der Bibel verlassen muss oder ob ich mir aufgrund eigener Sprachkenntnisse ein Bild davon machen kann, was in der Bibel steht. Das ist ja der entscheidende Anfangsimpuls der Reformation gewesen: Den Reformatoren ging darum, nicht durch irgendwelche Autoritäten gesagt zu bekommen, was in der Bibel stehe und was also zu gelten habe, sondern sich selber ein Bild davon machen zu können und mit Blick auf die Bibel selber zu denken. Das könnte doch eine gute Motivation sein, sich Mühe zu geben und die Sprachen zu lernen – ich bin damit selbstständig im Umgang mit der Bibel.
Die Sprachwelt des Alten Orients, zu der die Hebräische Bibel gehört, ist zudem besonders faszinierend, weil hier die Welt in einer ganz anderen Weise sprachlich erfasst wird, als wir es aus den indogermanischen Sprachen kennen. Wenn man einmal in diese andere Art von Sprache eintaucht, öffnet das einen weiten Horizont und macht deutlich, dass man die Welt auch anders erfassen kann, als wir es in unserer Sprache tun.
Der wichtigste Tipp in diesem Zusammenhang: Alles hat seine Zeit! Das Lernen der Sprachen steht ja meistens am Anfang des Studiums. Die Zeit des Lernens der biblischen Sprachen ist eine sehr intensive Phase, auf die man sich einstellen sollte. Dazu gehört es, dass man sich ausreichend Zeit dafür nimmt, sich mit der neuen Sprache vertraut zu machen und das zu üben, was man gerade lernt. Übersetzen macht erst dann richtig Spaß, wenn man Grundlagen mitbringt, die einem dabei helfen, einen Text zu durchschauen. Diese Grundlagen muss man sich erarbeiten – aber die Arbeit ist gut investiert, weil diese Grundlagen durch das Studium tragen.
Wie würden Sie das Studium reformieren?
Ich finde wirklich nicht alles schlecht am Studium und würde nicht alles über den Haufen werfen. Wichtig scheint mir aber, dass wir uns schon im Studium mehr mit den Herausforderungen der Gegenwart auseinandersetzen. Wir müssen unsere Studierenden fit machen für den sich verändernden Kommunikationsraum Kirche. Das hieße für mich, dass wir im Studium viel mehr einüben, wie wir über unsere Themen in verschiedenen Kommunikationssituationen sprechen. Gerade in der Exegese sollten wir auch vielmehr kontroverse Kommunikationssituationen durchspielen, damit die Studierenden auf das vorbereitet sind, was sie in Kirche und Gesellschaft erwartet. Wir diskutieren auch darüber, ob wir für gendersensible Theologien, Queer Theologies, kontextuelle Exegesen und vieles mehr eigene Module entwickeln sollten. Meine Befürchtung wäre hier aber, dass wir bestimmte Themen auf diese Weise in bestimmte Module verlagern, damit abhaken und dann denken, wir wären damit fertig. Gerade die genannten Themenfelder, aber auch Bereiche wie die Digitalisierung oder der Klimaschutz sind aus meiner Sicht aber Querschnittsthemen. Diese Themen sollten kontinuierlich in allen Lehrveranstaltungen präsent sein und diskutiert werden.
Im Blick auf das Thema Bewahrung der Schöpfung würde ich aus exegetischer Perspektive übrigens das neue Buch „Biblischer Schöpfungsglaube“ von Bernd Janowski empfehlen. Dort erhält man nicht nur oberflächliche Informationen und ein paar Bibelstellen hier und da, sondern eine fundierte Einführung in die Herkunft der biblischen Texte und ihre Verankerung in der Welt und Vorstellung des Alten Orients. Das wird dann gekoppelt mit Überlegungen dazu, wie die Einsichten aus den antiken Texten in unsere gegenwärtigen Debatten eingebracht werden können. Darin liegt ja eine der Aufgaben der Theologie – die biblischen Traditionen aus der Antike mit den gegenwärtigen Herausforderungen in ein produktives und weiterführendes Gespräch zu bringen. Das gelingt in diesem Buch in ganz vorbildlicher Weise.
Was möchten Sie zum Schluss den Studierenden noch mit auf den Weg geben?
Wie wäre es mit mehr testimonials von Theolog*innen auf meine.ekir.de? Das könnte doch eine gute Werbung für Theologie und Kirche sein, wenn wir uns einfach mehr sehen und hören lassen.
Ich fange mal direkt an: „Theologie – macht dich frei!“
In der Auseinandersetzung mit dem, was Menschen vor mir über Gott, den Menschen und die Welt gedacht haben, kann ich mich auch in meiner Gegenwart und in meinen Beziehungen besser verstehen, gerade weil ich erkenne, dass ich nicht der erste und auch nicht der letzte Mensch bin. Ich muss nicht alles allein schaffen, sondern darf das gestalten, was ich vorfinde – und hier und da auch sagen, dass es nun gut ist. Das gibt mir Freiheit – und gleichzeitig eine Verantwortung für mich und meine Mitwelt.
