Frühjahrstheologiestudierendentagung der Evangelischen Kirche im Rheinland – eine Tagung von Studierenden für Studierende
Die diesjährige Frühjahrstagung der Theologiestudierenden (FTT) fand vom 23.-25.05.2025 in der Jugendherberge Bonn statt. Los ging es am Freitag um 16 Uhr mit einem gegenseitigen Kennenlernen aller Teilnehmer*innen. Die FTT bietet immer eine gute Gelegenheit Studierende außerhalb der eigenen Hochschule und natürlich auch künftige Kolleg*innen kennenzulernen und sich theologisch und privat auszutauschen und zu vernetzen.
Bereits am Anreisetag wurden erste Impulse und theologische Aspekte in Gemeinschaft erarbeitet – in diesem Jahr stand die Tagung unter einem besonderen Leitthema, das als inhaltlicher Rahmen für alle Diskussionen, Vorträge und einem besonderen Workshop diente. Es prägte den fachlichen Austausch und zog sich als roter Faden durch die gesamte Veranstaltung:
„Rituale im Wandel – Alte Traditionen, Neue Formen und die “Vierfalt” der Kasualien?“
Im Mittelpunkt standen neben den klassischen vier Kasualien (Taufe, Konfirmation, Trauung und Bestattung), auch weitere Rituale und vor allem die Frage nach einer zeitgemäßen Gestaltung, aber auch der Fragestellung nach einer Erweiterung hinsichtlich weiterer Anlässe.
Als Erstes beschäftigten wir uns mit der historischen Einordnung der Kasualien und ihrer Klassifizierung in vier feste Kategorien. Im Unterschied zum Sakrament liegt der Ausgangspunkt einer Kasualie in der persönlichen Situation eines Menschen und nicht in einer kirchlichen Ordnung oder Lehrauffassung, vielmehr bezieht sich die Kasualie auf einen bestimmten Anlass (Kasus).
Da eine Kasualie ihren Ursprung im Menschen hat, kommt es hier zu einer Begegnung zwischen individuellen Biografien und religiösen Traditionen.
Gleichzeitig überrascht es nicht, dass der starke Fokus auf die individuelle Lebenssituation des Menschen neue Kaualien hervorbringen kann, die über die klassische Vierteilung hinausgehen und dort keine Berücksichtigung finden.
Ab diesem Punkt vertieften wir unsere Überlegungen und setzen die Diskussion intensiv fort. So fragten wir uns unter anderem:
- an welchen Stellen – oder wie es früher oft hieß „Schwellen“ im Leben – fehlte es uns an einem Ritual?
- welche Rituale haben wir bereits im außerkirchlichen Raum kennengelernt?
- welche neuen Gestaltungsformen sollten wir in Kirche ausprobieren und für wen?
Zudem wurde uns während der Tagung die immense Bedeutung und das Potenzial der Kasualien deutlich sichtbar. Gemäß der 6. Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung (KMU 6) besuchten 89% der Befragten im vergangenen Jahr einen Gottesdienst aus Anlass einer Kasualie – Kasualien sind damit der häufigste Grund für einen Gottesdienstbesuch. Erst an zweiter Stelle wird „Weihnachten“ als ausschlaggebender Anlass genannt. Damit bieten attraktiv gestalte Gottesdienste anlässlich einer Kasualie ein großes Potential Menschen zu erreichen und in wichtigen Lebensphasen zu begleiten.
Nachdem wir den ersten inhaltlichen Schwerpunkt intensiv behandelt und angeregt diskutiert hatten, ließen wir den Abend gemeinschaftlich in entspannter Atmosphäre ausklingen. Wir führten eine lebhafte und tiefgehende Auseinandersetzung über die Entwicklung der Evangelischen Kirche im Rheinland; z.B. die Schließung der KiHo, die Frage der Verbeamtung oder die Vor- und Nachteile von einem Kirchlichen oder Fakultäts-Examen. Dennoch blieben wir nicht nur Ernst, sondern hatten auch große Freude an der Entwicklung neuer nur halbironischer Ideen und Projekte. Die vielen privaten und sehr lustigen Gespräche können selbstverständlich nicht in einem Bericht veröffentlicht werden, dafür muss man selbst an einer FTT teilnehmen.
Den Samstag starteten wir nach dem Frühstück mit einer musikalischen Andacht, bevor es mit dem inhaltlichen Input von Inga Waschke vom Segensbüro Köln weiterging. Inga hätte uns viel über Segen und die Bedeutung von Kasualien erzählen können, entschied sich jedoch dafür, Kinder zu Wort kommen zu lassen mit ihrem eigenen Radiobeitrag „Segen gibt Kraft“.
Den ganzen Beitrag könnt ihr hier anhören: wdrmedien-a.akamaihd.net/medp/podcast/weltweit/fsk0/320/3201830/3201830_59797091.mp3 .
Neben vielen schönen Momenten zum Lachen, gab es etliche Passagen, die direkt ins Herz gingen. Zugleich hatten wir die Möglichkeit, wertvolle Erkenntnisse zu gewinnen und unser Wissen zu erweitern. Im Anschluss haben wir, wie die Kinder, unser eigenes Öl zum Salben und segnen nach biblischem Rezept hergestellt und konnten so sinnlich erfahren, wie Segen riechen kann.
Das Rezept findet ihr in Ex 30,22-25 oder in dem Instagram Highlight zur FTT 2025, dort sind die Maßeinheiten schon angepasst.

Bild erstellt mit ChatGPT
Im Anschluss probierten wir verschiedene Situationen, Haltungen und Worte zum Segnen aus und segneten uns gegenseitigen für konkrete Anlässe, einfach „prophylaktisch“ und mit und ohne Öl. Das war eine intensive, wohltuende und emotionale Erfahrung. An dieser Stelle kann schon mal ein Dankeschön an diese tolle offene und gemeinschaftliche Gruppe ausgesprochen werden und an Inga Waschke für ihre Begleitung.
Nach einer kurzen Pause gab uns Inga einen Einblick in ihre Arbeit beim Segensbüro. Sie erklärte, welche Aufgaben sie und ihr Team übernehmen und wie ihre Tätigkeit den Menschen zugutekommt. Es war spannend zu erfahren, mit welchen Projekten sie sich beschäftigen und welche Bedeutung ihre Arbeit hat. Auf der Seite von hätzjeföhl findet ihr viele praktische Anregungen für die Praxis und Material zum Download. Auch erzählte uns Inga noch viel über ihren Alltag im Segensbüro – ein wirklich spannender und segensreicher Alltag. Durch Ingas Workshop konnten wir wertvolle Erkenntnisse gewinnen und viele neue Impulse mitnehmen. Und ich kann für mich persönlich sagen, dass ich durch diesen Vormittag nochmal gemerkt habe, was für ein segensreicher und schöner Beruf der Pfarrberuf sein kann, wenn nicht sogar der schönste Beruf.
Nach dem segensreichen Vormittag ging es am Nachmittag weiter mit einem Bibliolog, bei dem wir nochmal ganz in eine andere Zeit eintauchen und uns in die Rollen und Gefühle verschiedener Personen reinversetzen konnten. Im Anschluss nahmen wir uns viel Zeit, um über den Wert und die Gestaltung von Kasualien und Ritualen nachzudenken. In Kleingruppen versuchten wir neue Kasualien und Liturgien für Segen zu entwerfen. Neben einem Segen für Neuzogezogene, Menschen mitten im Leben und Paare, die sich noch nicht trauen lassen, ihre Beziehung dennoch vor Gott und in Gottes Segen stellen wollen, entwarfen wir auch eine Möglichkeit Beziehungen zu segnen, die sich als Verantwortungsgemeinschaft füreinander segnen lassen wollen.
Ein besonderes Merkmal jeder FTT ist es, dass neben viel inhaltlichem und theologischen Input, auch immer ganz konkret Dinge ausprobiert werden können und/oder wir unsere eigene Spiritualität neu entdecken. So auch dieses Jahr und sicherlich auch nächstes Jahr.
Den Abend ließen wir bei dem Sommerfest des Goebenstift (Adolf-Clarenbach-Haus), einem evangelisch-theologischen Studienhaus in Bonn ausklingen. Bei leckerem Essen und guten Getränken gab es auch ein musikalisches Programm und die Möglichkeit im Weinkeller noch zu tanzen. Wer überlegt in Bonn zu studieren und noch ein gutes, erschwingliches Zimmer in toller Gemeinschaft sucht, sollte sich auf der Homepage der Stiftung informieren – das Haus steht auch Nicht-Theologiestudierenden offen.
Trotz des abendlichen Programms sind wir am Sonntagmorgen in den Gottesdienst gegangen. Zu unserem Glück tatsächlich gegenüber von der Jugendherberge und passend zur Tagung ein Konfirmations-Gottesdienst. Dementsprechend voll war die Kirche. Von der Empore hatten wir einen guten Blick und waren begeistert von der bunten Gestaltung des Gottesdienstes. Die Liedauswahl war sehr passend und regte zum Mitsingen an, sowohl bei Orgelbegleitung als auch bei der Band. Diese hatte zur Überraschung der Konfirmand*innen auch ein Lied gemeinsam mit den Eltern als Chor vorbereitet. Vor der Konfirmation fassten die Jugendlichen nochmal zusammen, was sie aus ihrer Konfizeit mitnehmen: Gemeinschaft und neue Freundschaften, Zusammenhalt, die Möglichkeit an einem neuen Ort Teil einer Gemeinschaft zu werden und dass ihr Glaube bestärkt, entwickelt und bestätigt wurde. Auch hier zeigte sich, welcher Wert und welche Chance in der Konfirmation liegen und was für eine wichtige Zeit die Vorbereitung doch ist. Richtig emotional wurde es dann, bei der Konfirmation und als die Jugendlichen ihren Eltern als Dankeschön rote Rosen überreichten.
Nach dem Gottesdienst kamen wir noch zu einem gemeinsamen Mittagessen zusammen, bei dem wir die Tagung reflektierten und mögliche Themen für die nächste Veranstaltung diskutierten. Gleichzeitig bildete sich bereits ein neues Orgateam, sodass der FTT 2026 nichts mehr im Wege steht und somit in die Planung gehen kann.
Ein großes Dankeschön an alle Studierenden die bei der Tagung dabei waren und sie mit ihren spannenden Impulsen, Gesprächen und Diskussionen bereichert haben. Und natürlich auch ein herzliches Dankeschön an das Vorbereitungsteam für diese spannende und Horizont erweiternde Tagung.
Die EKiR ist wirklich gesegnet mit einem tollen, offenen und engagierten Nachwuchs.
Bericht: Sarah Nketia
