Queerer Gottesdienst – Weshalb gibt es an der Uni Bonn queere Gottesdienste?

Ich arbeite seit nun bald fünf Jahren als Küster*in in verschiedenen Gemeinden innerhalb der EKiR. Seit zwei ein halb Jahren arbeite ich in der Schlosskirche. Diese ist eine nicht-parochiale Kirche, die für die Universität Bonn zuständig ist. Die Idee ist, dass alle evangelischen Menschen, die an der Uni Bonn studieren, lehren oder arbeiten hier ihre kirchliche Heimat finden. In der Praxis ist es so, dass die Bonner Bildungselite hier an den Gottesdiensten der Lehrenden der Evangelisch-Theologischen Universität beiwohnt. Kein intuitiv queer-welcoming Klima. Mein Gemeindepraktikum habe ich bei der Queeren Kirche Köln absolviert. Dort habe ich ganz andere Eindrücke einer ebenfalls nicht-parochialen Gemeinde gesammelt. Gottesdienste mit über 100 Besuchenden, Predigten, die mich etwas angingen und in denen ich Repräsentation gefunden habe und anstatt von Orgelmusik gab es berühmte Drag Queens und den queeren Kirchenchor. Und viel Gaga.

Als ich nun nach meinem Praktikum an die Schlosskirche zurückkam, war mir klar: dieses Gefühl muss ich weitergeben! Es gibt auch an anderen Universitäten queere Gottesdienste, wie in Heidelberg oder Berlin, es erschien mir also passend auch an der Uni Bonn Gottesdienste zu planen. Zu diesem Zeitpunkt gab es ohnehin noch keine explizite Repräsentation von Queerness an der Fakultät, obwohl ich wusste, dass es bis ins Professorium LGBTQIA*s gibt. Bonn hat ein großes Problem queere Spaces zu schaffen, da queere Menschen in der Regel nach Köln fahren und ihre Safer Spaces finden. Auch das war etwas, was ich wollte: einen queeren Safer Space in Bonn schaffen, wo queere Menschen sich vernetzen können.

Also ging ich zu dem Universitätsprediger und erzählte ihm von meiner Idee. Er war sehr angetan und gab mir die Zeit und Freiheit Gottesdienste so zu planen, wie ich sie für angemessen halte.
Ich habe ein Gottesdienst-Team gegründet, bestehend aus Studierenden, Mittelbau und Professorium. Da dieses Team recht groß ist, gibt es verschiedene Gruppen mit bestimmten Rollen und Zuständigkeiten innerhalb der Planung.

Was ist das besondere an einem queeren Gottesdienst?

„[We do everything] in a different, unique, specific way that is personally ours” singt Beyoncé in ihrem Lied Alien Superstar. Und so auch Gottesdienste. Der Queerness Begriff steht der Heteronormativität (auf der unsere Gottes(dienst)verständinsse gründen) diametral gegenüber. Dadurch gibt es eine unglaubliche Freiheit in der Gestaltung von Liturgie, Musik und Predigt. Von klassischen Gottesdiensten bis zu neuen Ideen, so wie bei dem letzten Gottesdienst, steht die gesamte Bandbreite offen. Geschlechtergerechte Sprache und konkrete politische Forderungen von Respekt, Wertschätzung, Partizipation, Inklusion, usw. sind für queere Menschen Alltag und keine Besonderheiten. Und dabei besteht unser Team nicht nur aus Queers, sondern auch aus Allies (CisHets, die sich für die Rechte der LGBTQIA*-Community einsetzen). Der Gottesdienst richtet sich an alle, die die Community unterstützen und dazu lernen wollen, um selber auch sensibler und sprachfähiger für das Thema geschlechtlicher und sexueller Vielfalt werden möchten. Wir hoffen, dass so vor allem Pfarrpersonen, die unsere Gottesdienste besuchen, so sensibler und sprachfähiger an eigene Gottesdienste herangehen, damit es irgendwann keine queeren Gottesdienste mehr geben muss, weil alle Gemeinden so aufgeklärt sind, dass die EKiR zu einem Safer Space für LGBTQIA*s wird… aber noch brauchen wir sie dringend!

G*ttes Glanz und Gloria!

Der vorgesehene Predigttext für Trinitatis (der letzte Sonntag vor dem Pridemonth) stand dieses Jahr im Epheserbrief 1, 3-14. Der Text endet mit dem Wort „Herrlichkeit“ in der Lutherübersetzung. Die Bibel in gerechter Sprache übersetzt hier „Glanz“. Beim ersten Planungstreffen erinnerte mich das an einen Glitzersegen, den ich auf dem letzten Kirchentag erhalten habe und so wurde der Titel „G*ttes Glanz und Gloria“ ins Leben gerufen. In der Liturgiegruppe haben wir uns überlegt, dass der Gottesdienst wie ein umgekehrter Aschermittwoch ablaufen könnte. Vor allem Erik Nau (Promotionsstudent in der Dogmatik) erinnerte das Glitzerverstreuen an das Aschekreuz. Ein Gottesdienst, der wie kein anderer für Verzicht steht und uns an den eigenen Tod erinnern soll. Wir wollten nicht den Tod feiern, sondern das Leben. Gottes Glanz wird uns zuteil und wir können daran partizipieren. Bedeutet: Party! Die Herrlichkeit/Glanz sollte durch die ganze Liturgie gefeiert werden!

 

Sobald die ersten Besuchenden die Kirche betraten sollte der Gottesdienst ganz unterschwellig beginnen. Vor und Nach dem Gottesdienst sollten mit dem Alltag verschwimmen. Es lief Popmusik und es gab vier Stationen. Die Besuchenden sollten miteinander reden, ins Gespräch kommen, gehen, sich bewegen und sich die Stationen anschauen. Man konnte sich mit Glitzer schminken. „Du bist G*ttes Glanz und Gloria“! Dieser Zuspruch sollte an den Besuchenden sichtbar werden (anstelle des Psalms). Auf einem glitzernden Cocktailspieß konnte man den eigenen Namen schreiben und diesen an dem Altar befestigen. Mensch selbst wurde Teil des Altarschmucks. Währenddessen konnte ein Gebet gesprochen werden oder ein Wunsch geäußert. Das eigene Leben wurde vor Gott gebracht (Kyrie). Auf bunte Zettel konnten Fürbitten geschrieben werden, die am Ende des Gottesdienstes vorgelesen wurden (Fürbitte). Und schließlich konnte man an einer geschmückten Selfiewand Fotos machen (lassen), um den eigenen Glanz der ganzen Welt zu zeigen (Hinführung zum Segen).

 

Als die Besuchenden fertig waren, setzte die Orgel ein, um zu signalisieren, dass Mensch sich setzen kann. Es wurde Paparazzi von Lady Gaga (Das Lied ist echt dafür gemacht! Gänsehaut!) von Vera Gretges gespielt und das erste Lied wurde gesungen. Im Anschluss gab es ein Gebet von unserer Liturgin Katharina Opalka vorgetragen. Zwischen den einzelnen Gebeten wurde das Lied „Wir strecken uns nach dir“ gesungen. Es folgte die Lesung, die von Konfetti unterbrochen wurde, immer wenn das Wort „Glanz“ fiel. In der anschließenden Predigt ging es darum, dass queere Menschen am Glanz Gottes partizipieren können. Das kann man auf verschiedene Arten zeigen, durch Feiern, Glitzer und Glanz, durch politische Aktivität oder durch Selbstreflexion und Erkenntnis. Die Predigt wurde von Erik Nau, Johanna Schwarz und Franziska Munz gehalten. Die drei saßen auf Stühlen vor dem Altar und es wurde so inszeniert, als hätten sie eine normale Konversation unter Freund*innen. Hätte Mensch nicht gewusst, dass es sich um die Predigt handelt, hätte Mensch es nicht gemerkt. Im Anschluss wurde das Lied „Viele“ von Wilhelmine von Vera Gretges und Mio Josia Klemm performt. Nach jeder Fürbitte wurde gemeinsam der Refrain des Liedes gesungen. Das war der emotionalste Moment im Gottesdienst, weil das Lied wirklich Hoffnung schafft: Hoffnung auf eine feste Gemeinschaft innerhalb der Community, aber auch darauf, dass die Fürbitten erhört werden. Schließlich gab es auch bei uns einen Glitzersegen. Man konnte zu den Liturg*innen gehen und bekam ein wenig (herzförmigen) Glitzer über den Kopf gestreut und ein paar persönliche Worte. Das Zeichen finde ich jedes Mal unglaublich stark. Das perfekte Symbol, dass das Antlitz der Gottheit über mir leuchtet und ich als Segen durch diese Welt gehe und von anderen als solcher wahrgenommen werden kann. Im Anschluss gab es ein nettes Zusammensein, geplant von Anja Block, bei Snacks, Se

kt und alkoholfreien Alternativen. Die Besuchenden blieben länger als erwartet und wir waren erst um 22:30 Uhr aus der Kirche raus (der Gottesdienst hat um 18 Uhr begonnen). Meine Kolleg*innen mögen mir verzeihen, dass ich keine genaue Zahl von Besuchenden nennen kann, da ich so eingebunden war, dass der Küsterdienst eher eine Nebensache war. Es waren ca. 110 Personen anwesend und damit war das der meistbesuchte Gottesdienst in diesem Semester. Das Publikum war jünger als gewöhnlich, es waren aber auch ein paar der regelmäßigen Besuchenden anwesend, die auch an dem Gottesdienst partizipiert haben. Ein voller Erfolg!

Von Tris Genoske