Während es recht üblich ist, dass deutsche Theologiestudierende während ihres Studiums einmal, zweimal oder sogar häufiger den Uni-Standort innerhalb Deutschlands wechseln, um ihren theologischen, geographischen und sozialen Horizont zu erweitern, scheint es – entgegen anderer Studiengänge, in denen ein Auslandsaufenthalt fast unumgänglich ist – in unserer Disziplin nicht viele ins nicht-deutschsprachige Ausland zu ziehen: Weil es von den Fakultäten nicht gefordert wird, weil es „Evangelische Theologie“, in der Form wie wir sie kennen, im europäischen Ausland nicht gibt und weil es – so meine Auffassung – für viele „nichts bringt“ das ohnehin lange Studium durch den Aufenthalt an einer ausländischen Uni mit unterschiedlich anrechenbaren Kursen „unnötig“ zu verlängern.
Nach einem äußerst bereichernden ökumenischen Studienjahr in Rom, in dem ich meinen ökumenischen Horizont in Richtung römisch-katholische Kirche erweitern konnte, erfüllte ich mir meinen lang gehegten Wunsch, einmal in England zu studieren und Land, Leute, Geschichte und nicht zuletzt Kirche vor Ort kennenzulernen und zu erleben. Mithilfe des Erasmus+-Programms, das den Austausch ins Vereinigte Königreich nach wie vor ermöglicht, erhielt ich einen Studienplatz an der Universität Durham – nach Oxford und Cambridge die drittälteste in England.
Durham ist ein kleines Städtchen von lediglich 51.000 Einwohner*innen im Norden Englands, etwa 20 km südwestlich von Newcastle upon Tyne, das zumindest unter Fußballkennern bekannt ist. Der Kern der Stadt schmiegt sich auf Hügel um eine schlanke Mäanderschleife des Flusses Wear, der eine steile Halbinsel umrundet, auf der sich die Altstadt mit der normannischen Burg und der romanischen Kathedrale erhebt. Seit der Eroberung Englands durch die Normannen im 11. Jahrhundert war Durham mit dem gleichnamigen County politisches und religiöses Machtzentrum im Norden des Landes, Bollwerk gegen die Schotten, boomendes Fördergebiet für Kohle und Sitz des einzigen Fürstbischofs des Königreichs, der bis in die 1830er Jahre nicht nur spirituelle, sondern auch weltliche Macht ausübte. Der letzte Prince Bishop gründete die Universität, die heute weltweit renommiert ist und mit ihren Gebäuden und den ca. 20.000 Studierenden unweigerlich das Aussehen, das Leben und den Rhythmus der Stadt beeinflusst.
Zur Freude der Studierenden befindet sich das Department (Fakultät) für „Theology and Religion“ direkt neben der großen Bischofskirche, der Weg zur Vorlesung begann also jeden Morgen direkt mit einem atemberaubenden Ausblick. Der Name verrät aber bereits, dass es keine Fakultät für „Anglikanische Theologie“ gibt: An der theologischen Fakultät lehren und studieren Menschen anglikanischer, römisch-katholischer, baptistischer, methodistischer, lutherischer, reformierter, etc. Konfession gemeinsam und werden mit ihrer eigenen Kirchenzugehörigkeit – und der ihrer Kommiliton*innen und Kolleg*innen – nur in den Vorlesungen und Seminaren konfrontiert, wenn es das Thema verlangt. Eine rein anglikanische Ausbildungsstätte gibt es nur mit dem Priesterseminar der Church of England, das neben der Kathedrale liegt.
Unter dieser Grundvoraussetzung zu studieren und sich – in einem dazu fremden Universitätssystem – gewissermaßen „akonfessionell“ mit Materien zu beschäftigen, die wir freilich auch aus deutschen Kursen kennen, bietet gerade darin eine Chance, die evangelischen Scheuklappen abzulegen beziehungsweise zu hinterfragen, wie „evangelisch“ gewisse Inhalte unserer Curricula tatsächlich sind – oder wie ökumenisch.
In einer so kleinen Stadt und einer Uni, die in einer sehr besonderen Symbiose mit der Kathedrale steht, lag für mich der Hauptwert des Austauschs jedoch nicht nur auf den Universitätsveranstaltungen sondern – primär – auf den Erlebnissen, Begegnungen und Informationen, die ich an der Uni, über meine WG und über mein ehrenamtliches Engagement in der Kathedralgemeinde sammeln konnte. Während die Grundhaltung und Liturgie dieser Gemeinde sehr hochkirchlich sind (wofür gerne der Name „Anglokatholizismus“ verwendet wird), bewegt sie sich in einem Gotteshaus, das als UNESCO-Welterbestätte auch stete Touristenströme anzieht – umso mehr, da im angrenzenden mittelalterlichen Klosterkomplex Szenen der ersten zwei Harry-Potter-Filme gedreht wurden. Ich kann nur empfehlen, sich einmal in einen anglikanischen Gottesdienst zu setzen; am besten aber zwei: Einen der High Church (anglokatholischen) und einen der Broad Church (reformierter, weniger liturgisch durchexerziert), um die Spannweite anglikanischer Theologie und Liturgik kennenzulernen. Durch zahlreiche Reisen durch das Vereinigte Königreich konnte ich mir so ein Bild davon machen, wie divers diese von außen so einheitlich wirkende Kirche tatsächlich ist. Vielen werden Elemente auffallen, die sie sehr an ihre unierte Kirche zu Hause erinnern, andere Details werden dagegen sehr katholisch anmuten. Diese Vielfalt und auch der Austausch mit anderen deutschen und schweizerischen ERASMUS-Studierenden haben mich selbst jedoch ebenfalls daran erinnert, wie vielfältig unsere eigene Konfession ist – abhängig von Tradition, Region und Gewohnheit.
Wer in Deutschland beziehungsweise im deutschsprachigen Raum Theologie studiert, erhält nicht nur eine lange, sondern auch eine sehr umfassende theologische Bildung – ein Detail, das mir umso mehr aufgefallen ist, als englische Studierende Theologie oftmals nicht aus religiöser Überzeugung studieren, sondern um einen geisteswissenschaftlichen Abschluss zu erhalten, mit dem sie sich in einem weiten Spektrum potentieller Arbeitsstellen bewerben können. Wir können uns glücklich schätzen, dass unser Studium uns die Zeit gibt, mit unserer Materie zu wachsen, anstatt uns in drei Jahren durch die Uni zu schleusen. Gleichzeitig ist es natürlich erstrebenswert, sich ganz bewusst umzusehen und über die eigene Tradition und Gepflogenheit hinaus andere Glaubensausprägungen kennenzulernen. In einer stetig zunehmend vernetzten Welt globalen Austauschs und – auch oder besonders im Vereinigten Königreich – stark wachsender Säkularisierung, halte ich es für umso wichtiger aufeinander zuzugehen, Beziehungen innerhalb und außerhalb der eigenen Konfessionslandschaft aufzubauen und Ökumene zu pflegen.


