„In der Theologie geht es um das, was mich trotzig leben und getrost sterben lässt – und das ist wunderschön.“ Interview mit Präses Dr. Thorsten Latzel

Interview zwischen Frau Saskia Held (Studentin Ev. Theologie) und Herrn Dr. Thorsten Latzel (Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland)

Zu Beginn frage ich immer: Was macht die Theologie eigentlich? In einem Satz zusammengefasst.

Sie bringt Glauben und Denken zusammen und hält die Frage nach Gott wach.

Wie war Ihr Weg in die Theologie und wie wird man eigentlich Präses in der EKiR?

Ich wollte schon als siebenjähriger Junge Pfarrer werden, das stand nie zur Diskussion. Ich war schon früh im CVJM, bin dort mit auf Freizeiten gefahren und bin dort groß geworden. Daher war für mich ganz klar, dass ich nach der Schule auch direkt ins Studium starten wollte. Das Theologiestudium habe ich auch sehr genossen; das war eine sehr anregende Zeit, auch mal anders über den Glauben nachzudenken. Als ich zum ersten Mal in Marburg in der alten Universität war und die Menge an Büchern gesehen habe, war das, als hätte ich zum ersten Mal das Meer gesehen: Die Weite des Denkens zu spüren. Das war eine sehr berührende Zeit für mich. Danach habe ich in Heidelberg promoviert, auch zum Heidelberger Katechismus, also zu der Frage des Glaubensdenken oder: Wie kann ich eigentlich das, was meinen Glauben ausmacht, in 129 Fragen zusammenfassen? Was ist der Kern des christlichen Glaubens, was tröstet mich im Leben und im Sterben, und was bedeutet eigentlich die Mariengeburt?

Und um Präses zu werden, ist es erstmal ganz gut, Pfarrer zu werden. Also Vikariat habe ich natürlich auch gemacht und war zunächst Gemeindepfarrer. Ein Karriereziel war es jedenfalls nicht; das kann es, glaube ich, auch nicht sein. Sondern ich glaube, dass Gott seine Heiligen wunderbar führt und man sich am besten mit seinen eigenen Gaben und Kompetenzen einbringt, die ganz unterschiedlich sein können. Und dann gibt es immer wieder verschiedene Wege, wo es einen hinführt. Zuerst war ich acht Jahre im Kirchenamt der EKD und habe dort Zukunftsplanung und strategische Entwicklung gemacht. Und ich war auch acht Jahre Akademiedirektor – also immer so an den Grenzen von Gesellschaft und Kirche unterwegs. Das mit dem Präsesamt war dann, theologisch gesprochen, wirklich Führung.

Was sind denn die Aufgaben eines Präses?

Als Präses bin ich Teil der kollektiven Leitung der Kirche. Das umfasst zuerst einmal die Synode und das Präsidium, die ich leite. Unterjährig bin ich Teil der Kirchenleitung, die die Aufgaben der Synode dann zwischenzeitlich wahrnimmt. Ich bin auch vor allem Sprecher der Landeskirche, oder im Fußball würde man sagen Mannschaftsführer. Dadurch habe ich viel Kontakt mit Medien, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft nach außen. Da muss ich, auch den Gemeinden gegenüber, zugewandt und vernetzt sein. Also als zweitgrößte Landeskirche der EKD haben wir einiges zu tun.

‚meine.ekir‘ ist eine Plattform für Studierende. Sie haben selbst Theologie studiert und wissen, dass das Studium sehr lang sein kann. Haben Sie Tipps für Studierende, motiviert zu bleiben?

Ja, es ist ein Marathonrennen, absolut. Da braucht man Ausdauer und Durchhaltevermögen. Es geht beim Studium aber auch um die Entwicklung meiner eigenen Persönlichkeit und der geistlichen Persönlichkeit. Wichtig ist, dass das Zweifeln Teil dieser Entwicklungen ist. Das Anfechten und Zweifeln sind elementarer Teil der Ausbildung. Es ist wichtig, sich in einem längeren Prozess zu verstehen. Dass vielleicht auch mein bisheriges Gottesverständnis Risse bekommt, ist nicht schlimm, sondern notwendig, weil sich etwas Neues entwickelt. Es sind Herausforderungen, auch einfach durch die Prüfungen, aber sie sollten nie zur Belastung für die eigene Seele werden. Daher ist es wichtig, Menschen an seiner Seite zu haben, die einen begleiten: Eine Gemeinde, einen Mentor oder Mentorin, gute Freund*innen.

Eine eigene Form der Glaubenspraxis kann im Studium wertvoll und unterstützend wirken. Es geht darum nicht nur über den Glauben zu reden, sondern auch vom Glauben und aus dem Glauben heraus.

Das Aushalten von Spannungen ist Teil von unserem Theolog*innen-Sein. Aber es ist gut zu wissen, dass man dabei nicht allein ist und sich im Studium auch als Teil einer 3000-jährigen Hoffnungsgemeinschaft zu verstehen. Welches andere Studium kann das schon von sich sagen? Wenn man die alten Geschichten des Glaubens liest, die Murrgeschichten aus der Wüste bei Moses, die Propheten, die eigentlich nur geschimpft haben, wie Jeremia, oder Paulus der Pfahl im Fleisch, macht das das Theologiestudium vielleicht nicht einfacher, aber tiefer, weiter und schöner. Über Gott nachzudenken ist eine der schönsten Tätigkeiten überhaupt, um es mit Aristoteles auszudrücken.

Wie können wir denn die Studierenden dabei unterstützen, über Gott nachzudenken und das Studium als tiefer, weiter und schöner wahrzunehmen?

Ich finde es wichtig, dass wir in einem offen Dialog mit den anderen Wissenschaften stehen und von ihnen lernen. Das Schöne am Theologiestudium ist eben, dass es eine unglaubliche Weite hat: Sprachen, Philosophie, Geschichte – so breit angelegt ist eigentlich kein anderes Studium. Das ist eine Stärke, in der man sich unterschiedlich entfalten kann. Natürlich hat man Lieblingsdisziplinen und solche, die einem nicht so liegen. Aber Studium ist ein Privileg. Dass wir studieren dürfen und das stellvertretend für andere tun, ist eine große Freude.

Wir leben in einer Zeit, in der es Orientierung braucht, um in der Fülle der Angebote nicht verloren zugehen. Dafür gibt es aber schon gute Angebote und Begleitungen. Die Gemeinschaftserfahrung mit anderen und der Halt, den man dadurch bekommt, sind unglaublich wichtig. So erfahre ich schon früh, dass Menschen an mich glauben und auch Gott an mich glaubt.

Studieren ist ein Privileg, aber das kann auch zum Problem werden, wenn sich Studierende das Studium nicht mehr leisten können.

Das Privileg bezieht sich nicht darauf, dass es nur für Privilegierte ist, sondern darauf, dass wir im Vergleich zu vielen Ländern überhaupt die Möglichkeit haben zu studieren. Wenn ich in die 2000 Jahre Kirchengeschichte schaue oder die Ökumene betrachte, dann ist es eine besondere Situation, dass wir in Deutschland so viele unterschiedliche Studienmöglichkeiten haben und dass alle daran teilnehmen können. Auch dass ich an einer staatlichen Hochschule für das Pfarramt ausgebildet werde ist bemerkenswert. Oder an staatlichen Schulen Evangelische Religion unterrichte. Weltweit gesehen ist das nicht selbstverständlich.

Natürlich ist die Frage auch eine ökonomische. Es sollte für jeden Menschen, egal welcher Herkunft, die Möglichkeit geben zu studieren. Das ist mir sehr wichtig. Ich bin selbst Arbeiterkind, und wir drei Geschwister sind die ersten in unserer Familie, die ein Studium gemacht haben. Dafür war das BAföG damals ein wichtiges Thema. Auch andere Formen von Stipendien, Begabtenförderung und ideelle Unterstützung sind wichtig. Zum Beispiel hatte ich selbst keine Ahnung, was denn eine Vorlesung ist oder ein Seminar. Man boxt sich vielfach so durch, aber es ist auch gut, ein Mentoring zu haben.

Wie wird denn das Studium weitergedacht? Es wird immer wieder von einer Reform des Studiums gesprochen. Könnte es zum Beispiel auch ein duales Studium geben?

Also das Studium wird reformiert, da sind Menschen intensiv in der Beratung, auch mit den Fakultäten. Es ist wichtig, dass wir unnötigen Stress im Studium vermeiden wollen, aber es soll trotzdem eine Herausforderung bleiben. Denn wir wollen natürlich auch eine Qualität bei uns pflegen. Man muss sich wirklich die Prüfungsformen nochmal anschauen, ob es auch modulare Prüfungen geben kann und wie der Spracherwerb aussieht, um keine unnötigen Herausforderungen zu erzeugen, die auch existenziell belasten können.

Gleichzeitig müssen wir die Qualität sicherstellen. Gerade im Hinblick auf die großen Herausforderungen der Gesellschaft und der Kirche brauchen wir Menschen, die den christlichen Glauben im Kontext unserer Zeit verantworten können. Wir brauchen Menschen, die klug Glaubens- und Lebensfragen durchdenken können. Das halte ich für eine der Schlüsselfragen für unsere Zukunft als Kirche, damit wir keinen geistlichen Relevanzverlust erleben und nicht mit simplifizierenden Antworten auf die Herausforderungen unserer Zeit reagieren.

Das Theologiestudium hat im Konzert der anderen Studienfächer eine unglaubliche Fülle und Breite, und Schönheit, gerade weil ich selber darin eine Rolle spiele und es um meine Persönlichkeitsentwicklung geht. Ich habe das als eine unglaubliche Bereicherung erfahren und schaue deswegen nicht nur auf die Probleme und Herausforderungen.

Also unnötige Hürden und zusätzliche Belastungen müssen abgeschafft werden, aber natürlich bleibt die Komplexität des Faches und die sachlichen Herausforderungen. Und das müssen wir im kommunikativen, menschlichen Miteinander, so unhierarchisch wie möglich, gestalten. Die Prüfungen kann man sicher besser organisieren, aber die inhaltliche Qualität muss bleiben.

Wird die Umgestaltung der Kirchlichen Hochschule und die Examensreform zusammen gedacht?

Es wurde mit breitem Konsens entschieden, dass zur Sicherung der Zukunft der Evangelischen Kirche und der Personalentwicklung ein Theologischer Bildungscampus entstehen soll. Dazu muss jetzt erstmal geprüft werden, wie ein solcher Campus aussehen kann. Die bisherige Kirchliche Hochschule soll Teil dieses Campus sein, aber dazu auch grundlegend reformiert werden. Ein Konzept soll im Februar 2025 vorgelegt werden. Das ist der aktuelle Stand der Dinge. Es ist in jedem Fall eine Theologische Bildungsoffensive.

Wir brauchen gute Theologie und gutes theologisches Denken, es geht ganz wesentlich um die Inhalte und nicht nur die Organisation. Wir brauchen eine Sprachfähigkeit des christlichen Glaubens, gerade angesichts der Säkularisierungsprozesse. Diese Sprachfähigkeit brauchen wir in der Breite der Mitarbeitenden, sowohl der beruflichen als auch der ehrenamtlichen. Da die Anzahl der Pfarrpersonen bei uns geringer wird, ist die Sprachfähigkeit der anderen Mitarbeitenden umso wichtiger, also im Presbyterium, bei den diakonischen Mitarbeitenden, den Ehrenamtlichen und Prädikant*innen. Deshalb soll dies alles an einem Ort vernetzt werden.

Mit Blick auf den zukünftigen Arbeitsplatz der Pfarrer*innen: Wie sieht die Kirche der Zukunft aus? Wenn man heute anfängt, Theologie zu studieren, wie wird sich das Umfeld und die Aufgaben einer Pfarrperson ändern?

Erstmal kann ich allen sagen, die gerade studieren: Sie haben alles richtig gemacht! Sie werden in eine Kirche kommen, die Sie willkommen heißen wird, und wir sind froh und dankbar über jede kluge Theolog*in, die wir bekommen. Es wird eine Zeit sein, in der wir gemeinsam eine große Gestaltungsaufgabe vor uns haben. Die sollte uns überhaupt nicht schrecken, sondern das gehört gerade zu unserem protestantischen Selbstverständnis.

Wir schauen, wie wir in dieser Zeit das Evangelium von Jesus Christus bestmöglich weitergeben können an die Menschen. Das ist unsere Aufgabe. Das werden wir nicht können in den Strukturen früherer Generationen, was aber auch nicht schlimm ist. Wir müssen diese Strukturen umgestalten. Dafür brauchen wir engagierte, kluge, kreative junge Menschen, die Lust haben, mitzuwirken. Dabei sind wir und Sie aber nicht alleine unterwegs. Es gibt eine große Bereitschaft auf den verschiedenen kirchlichen Ebenen, diesen Transformationsprozess zu gestalten.

Es ist noch nicht entschieden, wie es werden wird, aber wir arbeiten daran im Vertrauen darauf, von Gottes Geist dabei geleitet zu sein. Das ist eine anspruchsvolle und schöne Aufgabe, die vor uns liegt.

Also es lohnt sich weiterhin Theologie zu studieren.

Ja, absolut und immer! Manchmal liest man in den Medien von Untergangsszenarien, aber das ist völliger Unsinn. Wir werden kleiner, aber im Augenblick sind wir in der Kirche von den Mitgliedszahlen her immer noch größer als alle Parteien zusammen. Wir sind eine Institution, die in der Breite aufgestellt ist.

Eine Situation wie in den 1970er und 80er Jahren ist ja in der ganzen Kirchengeschichte eine Ausnahme. Es gibt verschiedenste Phasen, und wir müssen uns den Fragen der Zeit stellen, in der wir leben.  Aber wer, wenn nicht wir, sollte von Hoffnung und von Zusammenhalt reden und so zur Gesellschaft beitragen? Diesen protestantischen inneren Widerspruchsgeist zu haben und uns von außen nicht bestimmen zu lassen. Wenn andere vom Untergang der Welt reden, dann pflanzen wir Hoffnungsbäume.

Die Kirche und die Studierendenzahlen werden kleiner. Wie können wir das vielleicht auch als Chance wahrnehmen?

Exegetisch-theologisch muss man sagen, die Quantität war nie entscheidend. Die Frage ist, sind wir an der Sache Christi dran? Jesus hat auch nicht gesagt: „Also mit so wenigen Jüngern, komm, das lassen wir mal sein,“ sondern: „Geht hin in alle Welt!“ Also das an die Anzahl der Personen zu hängen wird unserer Geschichte nicht gerecht. Es geht um den Auftrag und darum, dass wir geleitet sind vom Schöpfer des Himmels und der Erde.

Natürlich müssen wir alles dafür tun, dass wir Menschen eine Heimat, Halt und Hoffnung in unserer Kirche geben. Aber wenn wir kleiner werden, dann ist das erstmal so. Wir sind nicht mehr die kulturgestützte Volkskirche der früheren Jahre. Aber das ist nicht entscheidend für uns, sondern dass wir das Evangelium in angemessener Weise an andere Menschen weitergeben. Und das können wir in verschiedenen Formen und mit kleineren Anzahlen von Menschen tun. Wichtig ist, dass wir uns nicht von diesen institutionellen Prozessen bestimmen lassen, sondern eine hilfreiche Form finden, in der wir unserem Auftrag gerecht werden.

Also auch dahingehend sprachfähig zu werden – spricht das nicht doch dafür, schon im Studium mehr Praxis zu verankern?

Ja und nein. Dafür gibt es später das Vikariat, das zwei Jahre dauert. Also lassen Sie sich erstmal voll ein auf das Theologiestudium und werden Sie theologisch so richtig heiser. Lesen Sie Barth, Tillich, Bultmann und so weiter. Das ist das Privileg, von dem wir gesprochen haben. Die Prüfungen sind ja nur die List der Vernunft. Sie lernen scheinbar für die Prüfungen, aber tatsächlich bringt es Sie dazu, sich mit den Sachen intensiver auseinanderzusetzen, als Sie es sonst jemals tun würden. Wie beim Training: Ich muss mir eine Challenge setzen. Ohne Wettbewerb würde ich niemals so intensiv trainieren.

Sie nehmen dadurch unwahrscheinlich viele wichtige Erkenntnisse mit und entwickeln vielfältige Gedankengänge. Es geht darum, den Blick dafür zu bekommen, was Sie im Studium und durch die Prüfungssituation gelernt haben. Das macht Sie fit für die Fragen, die später in der Gemeinde aufkommen. Was habe ich zum Beispiel beim Lernen über den Investiturstreit für die Fragen des Staatskirchenverhältnisses heute gelernt? Ein Repertoire an Antworten und Gedankengängen zu haben, ist später von unschätzbarem Wert. Bei einem guten Studium läuft das schon mit, dafür braucht es nicht extra ein duales Studium. Bei einem Arzt bin ich auch froh, dass er zunächst die chemischen Grundlagenkenntnisse gelernt hat und versteht, wie die Dinge auf dieser Ebene funktionieren, bevor er mich behandelt.

Mögen Sie uns noch ein Testimonial für meine.ekir da lassen?

In der Theologie geht es um das, was mich trotzig leben und getrost sterben lässt – und das ist wunderschön.