„Es werden immer mehr Lebenswirklichkeiten abgebildet“ – Caroline Cichons Bericht über die Fachschaftsarbeit und das Leben an der Bonner Fakultät

Caroline Cichon ist Vorsitzende des Fachschaftsrats und Konventssprecherin an der Evangelisch-Theologischen Fakultät Bonn.

 

 

Glücklicherweise haben queere Studierende seit ein paar Jahren immer mehr Platz, sich an der Bonner Fakultät einzubringen. Vor einigen Semestern wurde im Fachschaftsrat das Amt für Equality and Inclusion geschaffen, das sich für mehr Präsenz wichtiger Themen von Diversität und Gleichstellung einsetzt. Die Studierenden setzen sich für mehr Gemeinschaftsarbeit ein, um ein offenes und nettes Umfeld zu schaffen, in dem sich alle wohl fühlen können; dazu muss auch mehr Sichtbarkeit für queere Menschen geschaffen werden, um Offenheit und Akzeptanz zu zeigen. Auch vom Professorium und den Lehrenden wird das Angebot gerne genutzt, um sich auszutauschen, zum Beispiel beim Stammtisch, der sich statusgruppenübergreifend trifft. Gesellschaftliche Themen haben schon immer einen Platz in der Theologie gehabt, aber durch Aktionstage und Themenabende bekommen sie viel mehr Präsenz: „Durch die Lehrenden und die Studierenden ist das Studium in Bonn viel progressiver geworden, als es noch vor ein paar Jahren der Fall war.“

Charakteristisch für Bonn ist der enge Kontakt mit den Lehrenden, der auch im Pflichtbereich des Studiums verankert ist. Einmal im Jahr fahren Studierende und Lehrende gemeinsam auf ein interdisziplinäres Blockseminar. Zu einem Thema, beispielsweise „interreligöser Dialog“, bereiten die einzelnen Fächer Seminareinheiten vor, in denen Studierende und Lehrende gemeinsam unterrichten und lernen. Hier werden auch mal Noten von Studierenden an die Lehrenden vergeben, aber die Gemeinschaft steht im Vordergrund: „Wo sonst verbringt man ein Wochenende mit seinen Profs? Bei einem Glas Wein oder am Lagerfeuer begegnet man sich wirklich mal auf Augenhöhe. Auch mal locker und ungezwungen zu sein, in diesen Gesprächen merkt man das ehrliche Interesse an den Studierenden und die Fragen, die sie bewegen.“

Generell ist das Studium in Bonn durch kleine Hierarchien und viel Unterstützung durch das Professorium ausgezeichnet. Viele Module schließen durch ein „Angeleitetes Selbststudium“ ab. Dabei lesen die Studierenden Literatur zu Fragestellungen, die sie persönlich interessieren und im One-on-One nehmen sich die Lehrenden teils mehrere Stunden Zeit, gemeinsam mit den Studierenden über das Gelesene zu diskutieren. Aus kritischen Rückfragen und folgenden Gesprächen der Studierenden sind schon ganze Konferenzreihen entstanden, zum Beispiel What does Theology do, actually? in der Interkulturellen Theologie.

Bei allem Lobgesang auf die Bonner Fakultät gibt es aber auch Probleme, mit denen sich die Fachschaft beschäftigen muss. Die Bibliotheksangebote und Öffnungszeiten wurden durch die COVID-Pandemie stark eingeschränkt: „Im Bundesvergleich stehen wir vielleicht nicht so schlecht da mit unserer Fachbibliothek, aber es ist ärgerlich, dass wir nicht mehr auf das Vor-Corona-Niveau zurückkehren.“

Trotzdem kommen immer mehr Studierende nach Bonn zurück. „Das ist doch ein Zeichen dafür, dass Bonn sich lohnt. Studierende, die mal den Studienstandort gewechselt haben im Laufe des Studiums, kommen immer häufiger für das Hauptstudium und das Examen nach Bonn zurück. Wir sind vielleicht keine Millionenstadt, aber Bonn als Stadt und die Fakultät sind gefüllt mit jungem Leben, mit viel Theologie und Freiheit.“