„Das eine oder andere mal habe ich mir gewünscht, ich wäre einfach Arzt oder Lehrer geworden. Das hätten auf Anhieb alle verstanden und sich sogar noch etwas darunter vorstellen können. Stattdessen stehe ich auch heute wieder auf einer WG-Party und wie immer kommt der Punkt, an dem mir jemand diese Frage stellt: „Oh, Theologie. Was macht man denn da so?“ Wiedereinmal stehe ich also vor der Herausforderung mein Studium erklären zu müssen. In den ersten Semestern war das einfach. Da hatte ich selbst noch keine Ahnung und war damit beschäftigt Hebräischvokabeln und griechische Deklinationen in meinen Kopf zu prügeln. Das war meistens eher zäher Stoff für meine Gesprächspartner und ich war froh, dass ich in jenen Semestern bereits eine Freundin hatte. Immerhin führte das oft auch dazu, dass man sich schnell wieder anderen Gesprächsthemen zuwenden konnte, nachdem das Interesse meiner verschiedenen Gegenüber zügig abgeebbt war. Griechisch würde mich früh genug am nächsten Morgen wieder ärgern, dachte ich stets.
Mittlerweile, einige Semester und Erfahrungen reicher, weiß ich, dass es immer ein wenig darauf ankommt, wer einem dort abends beim Bier gegenüber steht: Mit Literaturwissenschaftlern kann man prima über die Entstehung von Texten debattieren, ganz egal, ob man jemals von dem Stück literarischer Brillanz gehört hat, um das es geht, oder nicht. Juristen kann man erklären, dass auch diese Zunft nichts anderes als Exegese, also Auslegung von Texten, betreibt. Und mit Historikern ist es sowieso recht einfach: Kirchengeschichte gibt es einfach schon lang genug, um in jeder Epoche der Weltgeschichte irgendwo quer einsteigen zu können. Als Theologe kann man in vielen Gesprächen und bei zahlreichen Themen problemlos mithalten.
Am heutigen Abend trifft mich die Frage meines Gegenüber allerdings nicht allein. Um mich herum steht gleich eine ganze Schar von angehenden Theologinnen und Theologen. Wenn Kommilitonen meines Faches in einer solchen Situation zusammen kommen und jeder ein wenig von seiner ganz eigenen Soße dazugibt, wird nicht unbedingt deutlicher was einem dort serviert wird. Es wird aber in jedem Fall bunter. Ich meine, sie haben ja alle recht. Mit ihren unterschiedlichen Biographien und Interessen hat jeder seinen eigenen Zugang zur Theologie und setzt seine eigenen Schwerpunkte im Studium. Einmal habe ich die Hausarbeit eines Kommilitonen Korrektur gelesen, in der er lang und breit seine Analyse einer hebräischen Gravur, die sich auf einer Säule findet, niedergeschrieben hatte, und ich dachte: Wieso verstehe ich nichts davon? Habe ich das selbe studiert? Anders herum ging es ihm wohl nicht anders, als er meine Gedanken zur Forschungsgeschichte der Gottesknechtslieder im Jesajabuch durcharbeiten musste. Die Theolgie bietet eben so viel, dass jeder sein eigenes Steckenpferd finden und ausbauen kann.
Und so ergänzt auch heute Abend jeder die eine Hauptgeschichte mit vielen Nebenschauplätzen. Unser Gegenüber beginnt sogar ein bisschen zu staunen darüber, was es in diesem sonderbaren Fach an dieser kleinen Fakultät alles zu studieren gibt. Als der Partybesucher aufs Klo verschwindet, zerstreut sich auch der bunte Haufen von Nachwuchstheologinnen und -theologen. In einigen Semestern werden sie alle fertig sein mit ihrem Studium, viele werden ins Vikariat gehen und dann ganz praktisch lernen Pfarrerinnen und Pfarrer zu werden, andere werden noch promovieren und manch einer wird sein Glück in einem anderen Beruf finden. Sie alle werden darauf vorbereit sein, mit Menschen ins Gespräch zu kommen, komplizierte Zusammenhänge zu verstehen und ihre Gedanken zu veranschaulichen, auch wegen solcher Partys und Begegnungen wie heute.“
